Wenn Personen wichtiger werden als der Club: Was Eintracht Frankfurt über Governance in Wirtschaft und Profifußball zeigt

Organisationen geraten selten deshalb in Schieflage, weil ihnen starke Persönlichkeiten fehlen. Problematisch wird es, wenn starke Persönlichkeiten wichtiger werden als die Institution selbst.

Im Profifußball lässt sich diese Dynamik besonders gut beobachten. Vereine leben von Identifikation, Loyalität, öffentlicher Wahrnehmung und Personen, die über Jahre hinweg außergewöhnlichen Einfluss auf sportliche, wirtschaftliche oder politische Entscheidungen entwickeln.

Eintracht Frankfurt ist dafür ein interessantes Beispiel. Nicht, weil dort grundsätzlich schlechter geführt würde als anderswo. Sondern weil der Klub zeigt, wie stark Erfolg, persönliche Autorität und institutionelle Verantwortung miteinander verflochten sein können.

Erfolg schafft Einfluss

Wer einen Verein oder ein Unternehmen über Jahre prägt, Erfolge verantwortet, Krisen übersteht und ein belastbares Netzwerk aufbaut, gewinnt zwangsläufig Einfluss. Das ist zunächst positiv. Organisationen brauchen Führungspersönlichkeiten mit Haltung, Entscheidungsstärke und Wirkung.

Die Governance-Frage beginnt dort, wo persönlicher Einfluss größer wird als die institutionellen Gegengewichte.

  • Wer kann einer besonders erfolgreichen Führungskraft widersprechen?
  • Welche Entscheidungen brauchen eine unabhängige Kontrolle?
  • Wie klar sind Rollen zwischen operativer Führung, Präsidium, Aufsichtsrat und weiteren Gremien getrennt?
  • Was passiert, wenn persönliche Loyalitäten und institutionelle Interessen nicht mehr deckungsgleich sind?
  • Ist eine Organisation auch dann handlungsfähig, wenn eine prägende Person plötzlich ausfällt oder geht?

Governance ist institutionalisierte Unabhängigkeit

Gute Governance bedeutet nicht Misstrauen. Sie verhindert vielmehr, dass die Qualität einer Organisation ausschließlich von der Integrität, Leistungsfähigkeit oder Tagesform einzelner Personen abhängt.

Das gilt für Fußballvereine ebenso wie für Familienunternehmen oder börsennotierte Konzerne. Ein Unternehmen, das nur funktioniert, weil der Gründer jede kritische Entscheidung persönlich korrigiert, ist strukturell schwächer als eines, das auch ohne ihn leistungsfähig bleibt.

Dasselbe gilt für einen CEO, einen Sportvorstand oder einen Aufsichtsratsvorsitzenden. Die Frage lautet nicht nur: Wie gut ist diese Person? Sondern auch: Wie gut ist die Organisation ohne ihre permanente Präsenz?

Loyalität darf Kontrolle nicht ersetzen

In erfolgreichen Organisationen entsteht häufig eine Kultur hoher persönlicher Loyalität. Menschen haben gemeinsam schwierige Phasen überstanden, Erfolge erzielt und Vertrauen aufgebaut. Das ist wertvoll.

Aber genau diese Nähe kann Aufsicht erschweren. Wer seit Jahren eng mit einer Führungskraft zusammenarbeitet, muss trotzdem in der Lage bleiben, unbequeme Fragen zu stellen, Interessenkonflikte anzusprechen und Entscheidungen unabhängig zu prüfen.

Ein starkes Board schützt eine erfolgreiche Führungskraft nicht vor kritischen Fragen. Es schützt die Organisation davor, von einzelnen Personen abhängig zu werden.

Nachfolge ist ein Governance-Thema

Besonders sichtbar wird institutionelle Stärke beim Thema Nachfolge. Wenn eine prägende Persönlichkeit geht und danach ein Machtvakuum entsteht, wurde Nachfolge zu spät gedacht.

Professionelle Nachfolgeplanung beginnt deshalb nicht mit der Frage, wer der nächste CEO oder Vorstand werden könnte. Sie beginnt mit einer Analyse:

  • Welche Funktionen und Beziehungen sind aktuell zu stark an eine Person gebunden?
  • Welche Kompetenzen müssen institutionell verankert werden?
  • Welche Rollen müssen neu zugeschnitten werden?
  • Welche Art von Führung braucht die nächste Unternehmensphase tatsächlich?

Erst danach beginnt die eigentliche Suche.

Die Lehre für Unternehmen

Profifußball ist emotionaler und öffentlicher als die meisten Unternehmenswelten. Seine Governance-Probleme sind deshalb sichtbarer. Die zugrunde liegenden Mechanismen unterscheiden sich jedoch kaum.

  • Erfolg darf Kontrolle nicht reduzieren.
  • Rollen müssen auch bei starken Persönlichkeiten eindeutig bleiben.
  • Nachfolgeplanung beginnt lange vor einem Wechsel.
  • Boards müssen institutionelle Interessen über persönliche Loyalitäten stellen.
  • Eine starke Organisation darf nicht von einer einzelnen Person abhängig sein.

Genau darin liegt die Verbindung zwischen Executive Search und Board Advisory: Eine C-Level-Besetzung ist nie nur eine Personalentscheidung. Sie verändert Macht, Verantwortungsstrukturen und die zukünftige Handlungsfähigkeit einer Organisation.